Aus den lissabonischen Reisetagebüchern
Wenn über Lissabon die Sonne aufgeht sieht man in der Ferne den Tejo märchenhaft glitzern. Er ist eine halbe Stunde mit dem Bus entfernt, aber wie er so da liegt und anfängt zu schimmern, bildet man sich ein ganz nah an diesem ruhigen Gewässer zu sein. Beinahe lässt sich das kühle Nass erfühlen. Doch da erscheint die schöne Silhouette der hügeligen Stadt. Die Häuser werden in sanften Rottönen getaucht. Das künstliche Licht weicht dem natürlichen und gibt den Blick auf die gestutzten Bäume der Avenida da Libertade frei. Sie geben der engen Stadt etwas Naturverbundenes. Allmählich nimmt die Oase ihre grüne Farbe an und auch Tejo und Häuser reflektieren nicht mehr ein rot- gedämpftes Licht, sondern erstrahlen unter der aufsteigenden Sonne in ihren eigenen Farben.
Da steht plötzlich die große, weiße Statue des Marques de Pombal am Fuße des grünen Hanges, die von hier oben so klein wie eine Playmobilfigur wirkt. Aber natürlich ist sie gigantisch. So wie die Flagge, welche geräuschvoll hinter einem in der lauen Brise flattert. Man klammert sich am steinernen Geländer fest; man hört wie vereinzelt Autos durch die Straßen fahren; man hört das Plätschern des Springbrunnens, ebenfalls hinter sich, und eben das Flattern der großen Flagge. Man wagt es nicht, sich zu ihr umzudrehen, so monströs ist sie. Sie könnte ein ganzes Haus unter sich begraben und mit dem Haus auch deren Einwohner. Es verpasst einem eine Gänsehaut. Ein Haus und man selbst unter dem rot-grünem Tuch begraben. Unter der Flagge Portugals. Unter den Eindrücken Lissabons, die in einer Woche so rasant an einem vorbeigezogen sind - zu rasant. So dass sie zu diesem riesigen, schweren rot-grünem Stoffetzen geworden sind. Es fühlt sich an, als könne es sich jeden Augenblick von seinem Mast lösen und einem vollkommen verhüllen und ersticken. Gleichzeitig verharrt man in völliger Faszination.
